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Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten
und psychischer Erkrankung

Kinder und Jugendliche in
der Kinder- und Jugendpsychiatrie

In dem Nachwort zu dem eben zitierten Buch schreibt der Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie Dr. med Hans-Jürgen Groebner:


„Mara, Michaela, Patrick und all die anderen Jugendlichen berichten eindringlich, was in ihrem Leben unerträglich geworden ist, krank gemacht und zu Verzweiflungstaten oder in eine Abhängigkeitsproblematik geführt hat. Es ist für uns Fachleute überraschend und erstaunlich, wie klar sie bestimmte Ereignisse benennen, die sie als Beginn einer fehlgelaufenen Entwicklung erlebt haben. Es sind Verlusterlebnisse, Enttäuschungen und Trennungserfahrungen, bei denen nicht genug Verständnis und Hilfe durch Erwachsene vorhanden war, die sie zwangen, vorher begangene Wege zu verlassen. „Auffällige“ Verhaltensweisen signalisierten, dass eigene Lösungsversuche probiert wurden, scheiterten und in Bereiche permanenter Gefährdung (z. B. durch Drogen) führten.
Die Jugendlichen beschreiben, was sie bei ihrem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie als hilfreich erlebten, aber auch was sie als negativ oder doch für ihre weitere Entwicklung als behindernd empfanden. Hilfreich war, dass sie dort Menschen vorfanden, die verständnisvoll zuhörten und mit denen man auch sonst reden konnte, in und außerhalb von Therapien. Die kinder- und jugendpsychiatrische Station bot eine günstige Atmosphäre, es sei dort „wie eine große Familie“ gewesen. Man habe Freunde finden können. Nach Zeiten krisenhafter Zuspitzung mit erhöhter Verletzbarkeit, zunehmender Ratlosigkeit und Einengung bot die Kinder- und Jugendpsychiatrie einen entlastenden Schutz- und Schonraum. Wenn allerdings der stationäre Aufenthalt zu lange dauerte und dadurch die Befähigung, eigenständig zu handeln, zu wenig Spielraum und Unterstützung bekam, wurde die als Behinderung erlebt.
Als schwierig und spannungsgeladen betonen Jugendliche das Verhältnis von „Drinnen“ (in der Klinik, auf dem „Gelände“) und „Draußen“. So war es nicht einfach, die Gründe dafür, dass man in der Jugendpsychiatrie war, anderen draußen zu vermitteln. Einige, denen man das erzählte, wandten sich ab. Freundschaften gingen auseinander. Hier wird erkennbar, dass ein Aufenthalt in der Psychiatrie immer noch „stigmatisierend“ sein kann und die Wiedereingliederung draußen nach dem Klinikaufenthalt dadurch erschwert ist. Es ist zu hoffen, dass die Berichte in diesem Buch dazu beitragen, mehr Verständnis für die „Normalität“ dieser Jugendlichen, die in Krisen geraten oder krank werden, herzustellen.
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie wird aber auch selbst noch daran arbeiten müssen, dass Ausgrenzung und Abwertung von Jugendlichen, die zu ihrer Klientel werden, abnehmen.
Hierzu muss sie sich aus ihren „klinischen Burgen“ vermehrt in das direkte Lebensumfeld der Jugendlichen hineinbegehen und dort ihre Mitwirkung oder Behandlung ansiedeln, wo die Jugendlichen leben.“


Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten und in Krisen finden sich aber nicht nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Für sie alle gibt es ein ?Davor? und ein ?Danach?. Überhaupt gelangen nur die Wenigsten von ihnen in eine solche Einrichtung. Andere finden Hilfe in ambulanten Einrichtungen, etwa einer Beratungsstelle oder Sonderschule oder finden alleine eine Lösung für ihre Situation. Viele – sowohl die Kindern und Jugendlichen als auch ihre Familien - bleiben jedoch in ihrer Not allein.