zur Publikation des Wortes der deutschen Bischöfe
unBehindert Leben und Glauben teilen
bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
am 12. März 2003 in Freising
Weihbischof Dr. Franz Dietl, München
Beauftragter für den Bereich Pastoral für Menschen mit Behinderung der Deutschen Bischofskonferenz
Sehr geehrte Damen und Herren,
das Wort der deutschen Bischöfe greift in sechs Kapiteln konturiert wichtige Anliegen der besonderen Lebenssituation behinderter Menschen und das Zusammenleben von Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen in unserer Kirche und Gesellschaft auf, vor allem
- die Achtung der Würde des - behinderten und nichtbehinderten Menschen auf dem Hintergrund der theologischen Anthropologie und Moraltheologie,
- die aktuelle Bioethikdebatte, insbesondere Fragen zur Pränataldiagnostik (PND) und Präimplantationsdiagnostik (PID) mit Blick auf die Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen,
- die Hoffnungsbotschaft unseres christlichen Glaubens und seine heilsame Ermutigung für das endliche Menschsein, zu dem unüberwindbare Krankheiten, Behinderungen und der Tod gehören.
Lassen Sie mich zwei wesentliche Aspekte ansprechen.
Das Wort unBehindert Leben und Glauben teilen rekurriert auf die Grundüberzeugung christlicher Ethik, dass jedes einzelne Leben einen absoluten Wert besitzt und vom Schöpfer gleichermaßen gewollt ist. Diese ethisch-schöpfungstheologische Ebene ist umklammert von einer ekklesiologisch-pastoralen. Der entscheidende Grund für die Kirche, Menschen mit Behinderungen mehr Zugang und Beteiligung am kirchlichen Leben zu ermöglichen, ist die universale Sendung zu allen und die aktive Rolle und das Subjektsein jedes Getauften. Die Universalität der kirchlichen Sendung und des kirchlichen Lebens wird insbesondere im Kapitel Bereicherung für alle Menschen mit Behinderungen als Lebens- und Glaubenszeugen deutlich: Katholisch sein bedeutet, sich konsequent allen Gliedern der Menschheitsfamilie zu öffnen. Katholisch sein meint auch, Lebensraum für behinderte Menschen zu ermöglichen, wo sie ihr Leben unter dem Zuspruch und den Augen Gottes führen und sich als Glieder des Volkes Gottes, in unseren Gemeinden und Gemeinschaften, Verbänden, Organisationen und Einrichtungen einbringen können (vgl. unBehindert Leben und Glauben teilen, S. 13).
Diese Universalität kann erst sichtbar werden, wenn behinderte Menschen eine sichtbare Rolle in der Kirche spielen. Die Kirche ist auf die Mitarbeit von Menschen mit Behinderungen angewiesen, um das Wesensmerkmal der Katholizität von sich behaupten zu können.
Ein zweites wichtiges Motiv dieses Wortes der deutschen Bischöfe ist die Subjektrolle der behinderten Menschen. Das wird deutlich im Vorrang der Selbsthilfe vor Hilfe, der Zusammenarbeit gegenüber der Fürsorge: Gerade in den biblischen Begegnungs- und Heilungsperikopen erschließt sich den Christen die Option für eine Kultur der Achtsamkeit: Sie ist offen für den Schmerz und das Leid anderer Menschen. Sie ist zugleich aufmerksam für die Eigenkräfte und das Gelingen, das im Leben der behinderten Menschen offenkundig wird. Sie öffnet den Blick für einen Reichtum, der leicht in einer einseitigen Haltung im Mitleid verborgen bleibt. (vgl. unBehindert Leben und Glauben teilen, S. 11).
Dies wird darin deutlich, dass den behinderten Menschen eine unumgängliche Bedeutung und Rolle für das Verhältnis der Christen zu Gott zuerkannt wird. Aufgrund seiner Geschöpflichkeit ist jeder Mensch von anderen Menschen verschieden. Durch Kreuz und Auferstehung Jesu Christi hat Gott diese Schöpfung bejaht er hat seinen Schöpfungswillen bestätigt und die Schöpfung wiederhergestellt, indem er das besiegt hat, was der Schöpfung widerspricht. Dadurch hat Christus das Verschiedensein die Einzigartigkeit und darin die Gleichheit jedes Menschen geschätzt. Und so bedeutet die Wertschätzung Christi immer auch die Wertschätzung der Geschöpfe.
Menschen mit Behinderungen sind also hinsichtlich der Akzeptanz von Verschiedenheit besondere Autoritäten für einen Reichtum sinnerfüllten, gelingenden Lebens, der sich in keinem festgefügten Bild fixieren lässt. Papst Johnnes Paul II. selbst bezeichnet Menschen mit Behinderungen als besondere Zeugen der Nähe Gottes, von denen wir viel lernen können (vgl. unBehindert Leben und Glauben teilen, S. 13).
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