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Zur Publikation des Wortes der deutschen Bischöfe
unBehindert Leben und Glauben teilen
bei der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
am 12. März 2003 in Freising
Bischof Dr. Joachim Wanke, Erfurt
Vorsitzender der Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz
Sehr geehrte Damen und Herren,
derzeit leben annähernd sieben Millionen Menschen mit Behinderungen in unserem Lande. Die deutschen Bischöfe wissen sich den vielfältigen Anliegen der körper-, sinnes-, psychisch-, geistig- und mehrfachbehinderten Menschen in besonderer Weise verpflichtet. Die Kirche hat dabei den pastoralen Auftrag, die Botschaft des Herrn Jesus Christus und sein Wirken auch in unserer Zeit verstärkt erfahrbar werden zu lassen.
2003 ist das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen mit dem Motto Nichts
über uns ohne uns. Die Bischöfe begrüßen diese Initiative. Sie ist erneut eine Möglichkeit, auf die besondere Lebenssituation behinderter Menschen hinzuweisen und zugleich die Impulse und Ansätze in unserem Lande zu verstärken, die vor allem auf die Einbeziehung der Menschen mit Behinderungen und ihrer Angehörigen in den verschiedenen Lebensbereichen ausgerichtet sind. Dabei soll die Selbstbestimmung und eine aktive Teilhabe in Kirche und Gesellschaft gefördert werden. In gleicher Weise sind die gegenseitigen, persönlichen und unmittelbaren Hilfen zwischen Menschen mit Behinderungen und Menschen ohne Behinderungen zu stärken, ebenso das vielfältige Engagement der hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter/innen in den Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe und Psychiatrie.
Fortschritte in der medizinischen und pädagogischen Förderung wie auch in der Aufwendung öffentlicher Mittel zur beruflichen und gesellschaftlichen Integration sind erkennbar. Erst jüngst hat das Gleichstellungsgesetz dem im Grundgesetz verankerten Antidiskriminierungsgebot behinderter Menschen (vgl. Art. 3 GG) neue Geltung verschafft. Dennoch verbessert sich das gesamtgesellschaftliche Klima gegenüber behinderten Menschen und ihren Angehörigen nur zögerlich. In einigen Bereichen sind sogar Verschlechterungen festzustellen.
Die Einstellung, dass die Geburt eines Kindes mit körperlichen Fehlbildungen ein Schadensfall sei, ist auf fatale Weise in das Urteil des Bundesgerichtshofes vom 18. Juni 2002 eingegangen. Es spricht von einem Unterhaltsschaden der Eltern bei unterbliebenem Schwangerschaftsabbruch. Auf erschreckende Weise wird deutlich, dass die Selektion von Menschen auf Grund ihrer Behinderung in unserer Gesellschaft bereits Realität ist. Dieses BGH-Urteil aber widerspricht sowohl dem christlichen Menschenbild als auch dem Wertekonsens des Grundgesetzes. Die negativen Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderungen werden durch Fortschritte der Gentechnik, insbesondere in der Humangenetik und Biomedizin noch erheblich verstärkt.
Mit diesem Wort wollen die deutschen Bischöfe einige wichtige Fragen und Anliegen behinderter Menschen erneut der breiten Öffentlichkeit alle Gläubigen und Menschen guten Willens ins Bewusstsein bringen und richtet sich zugleich als Ermutigung an die Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen. Dringlich ist vor allem herauszustellen:
- ein mehr an Sensibilität für die Würde des Menschen - in allen Lebensphasen,
- die Achtung der Grundrechte auf das Leben und leibliche Unversehrtheit wie auch der Selbstbestimmungs- und Persönlichkeitsrechte behinderter Menschen,
- gezielte Förderung der ethischen Kompetenz im Zusammenleben der behinderten und nichtbehinderten Menschen.
Die deutschen Bischöfe bitten alle in Kirche und Gesellschaft, die abwendbaren Erschwernisse, denen Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen ausgesetzt sind, abzubauen und neue Diskriminierungen zu verhindern. Dies sollte insbesondere in den Kirchengemeinden, in den christlichen Gemeinschaften, Verbänden und Initiativen, in den karitativen Werken, Diensten und Organisationen deutlich werden. Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen sollten sich gegenseitig als Nehmende und Gebende erfahren. Christen glauben, dass Gott den Wert und die Sinnhaftigkeit eines jeden menschlichen Lebens garantiert. Welchen Sinn und Wert das Leben hat, kann sich der Mensch letztlich nur von Gott sagen lassen. Bei aller Betrachtung der besonderen Bedürfnisse und Unterstützungshilfen für Menschen mit Behinderungen sieht die katholische Kirche die Situation der behinderten und nichtbehinderten Menschen aus dem Glauben an Jesus Christus. Sie haben denselben Ausgangspunkt, denselben Weg und dasselbe Ziel. Die Botschaft Jesu Christi macht offenbar und erfahrbar, dass Gott ein Freund des Lebens (Weish 11,26) ist. Sie setzt eine Kraft frei, die verändern und motivieren kann.
Mit dem Titel unBehindert Leben und Glauben teilen wird das Motto der Woche für das Leben von 1994 in modifizierter Form aufgegriffen und die Anliegen gezielt fortgeführt.
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