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Buchbesprechung · Andreas Heek

Erstes Bild einer Reihe von Bildern aus dem Buch »Wie Licht in der Nacht« Bilder aus dem Buch:

»Wie Licht in der Nacht«

Elementarisierung
biblischer Texte
für Menschen
mit und ohne Behinderung


»Wie Licht in der Nacht«

Elementarisierung biblischer Texte für
Menschen mit und ohne Behinderung

Christoph Beuers, Karl-Hermann Büsch, Jochen Straub, Wie Licht in der Nacht, Elementarisierung biblischer Texte für Menschen mit und ohne Behinderung, Verlag Butzon & Bercker 2003, 107 Seiten.
Selten kann man davon sprechen, dass es etwas wirklich Neues auf dem kirchlichen Büchermarkt gibt. Aber in diesem Fall kann man in der Tat davon sprechen. Das vorliegende Buch ist eine Bibel, genauer gesagt ein Neues Testament, noch genauer die Geschichte von Jesus Christus, von der Geburt, über seine Heilungstätigkeit, von seiner Nähe zu den Menschen, der Mahlgemeinschaft mit seinen Jüngern, seinem Tod und seiner Auferstehung.

Die Texte
Die Texte dieser Bibel sind elementarisiert für Menschen mit geistiger Behinderung. Elementarisiert heißt aber nicht banalisiert. Elementarisiert heißt in diesem Fall „essentialisiert“, d.h. auf den Kerngehalt der Geschichte zugespitzt. Gleichzeitig ist der spirituelle Gehalt vertieft. Dabei sind die Texte theologisch einwandfrei und gleichzeitig in einfacher Weise und kurz gehalten. Dieses Zusammenspiel gelingt bei elementarisierten Bibeltexten nicht immer. Sie sind sehr geeignet für Menschen mit geistiger Behinderung, weil sie sich an den Erfahrungen und der Aufnahmeweise dieser Menschen orientieren. Sie sind aber auch für Kinder und Erwachsene ohne Behinderung eine Bereicherung. Sie werfen ein anderes, vertieftes Licht auf die für das Buch ausgewählten Perikopen des Neuen Testamentes. Ein Beispiel für einen gelungenen Text ist die Geschichte von Jesus am Ölberg.

Neue Kraft
Jesus geht in den Garten.
Seine Freunde bleiben ein wenig zurück.
Jesus will allein sein.
Jesus hat Angst.
Jesus ist müde.
Jesus kann nicht mehr.
Jesus wendet sich an Gott.
Er ruft ihn um Hilfe an.
Gott lässt ihn nicht allein.
Er schenkt ihm neue Kraft.


Wer diese Texte liest und meditativ betrachtet, erkennt die Kraft der Einfachheit. Sie sind – wie der Untertitel des Buches sagt – wirklich elementar, prägnant und deutlich.

Die Bilder
Zu den Texten gehören die Bilder. Sie sind gestaltet von erwachsenen Künstler/innen mit geistiger Behinderung, die im Rahmen eines Bibelprojektes im Bistum Limburg die Geschichten der Evangelien in Bilder umgesetzt haben. Den Bildern ist die intensive Auseinandersetzung mit den entsprechenden Texten anzumerken. Gegenständlich zeigen sie, was im Bild darstellbar ist. Abstrakt werden sie, wenn sich der „Gegenstand“ des Textes der Darstellbarkeit entzieht. Unterschiedliche Techniken werden verwendet: Scherenschnitt, Collagen, Reißtechnik, Aquarelltechnik, Buntstiftzeichnungen. Auch Wasserfarben und Wachsmalfarben finden Verwendung. So gibt es also nicht nur eine große Vielfalt an persönlichen Kunststilen (23 Künstler/innen waren an dem Projekt beteiligt).Die Bilder vertiefen die Texte in eindrucksvoller Weise oder setzen einen ganz besonderen Focus, je nachdem, womit sich der/die Künstler/in in besonderer Weise auseinandergesetzt hat. Zum Beispiel wird der barmherzige Vater nicht nur mit weit geöffneten Armen gezeichnet, sondern mit übergroßen, in warmer Farbe gemalten Händen. Sie strahlen Geborgenheit und Ruhe aus.
Oder: Das Bild vom Abendmahl zeigt im Zentrum einen runden Tisch, auf dem runde Brote liegen. Jesus und die Jünger sitzen mit offenen Armen da, die sich dem anderen zuwenden. Das Brot, der Leib Christi, verschmilzt mit dem Tisch, dem Tisch der Gemeinschaft. Und doch ist das Brot das Zentrum des Bildes. Die Symbiose von der Eucharistie als Mahl der Hingabe Jesu sowie als Mahl der Gemeinschaft der Gläubigen ist hier in eindrucksvoller Weise dargestellt.

Die Gliederung des Buches
Nach einem kurzen Vorwort und kurzer Einführung, die beide sehr prägnant den Geist spüren lassen, den dieses Buch atmet, wird in 15 Kapiteln das Leben Jesu, einschließlich seines Todes und der Auferstehung und des Pfingstereignisses erzählt. Die Geschichte eines Kapitels – mit Nennung der Textstelle aus der Einheitsübersetzung - wird in zwei Teilen erzählt. Jede Geschichte enthält drei Bilder, die sie begleitet und vertieft.
Am Schluss des Buches werden auf wenigen Seiten einige „Praktische Hinweise“ zum Umgang mit den Texten gegeben, die sehr wertvoll sind und dem Nutzer Hinweise gibt, worauf die Texte abzielen, besonders die Bedürfnisse und Erfahrungen von Menschen mit geistiger Behinderung im Blick habend.

Der Umgang mit dem Buch

Hervorragend eignet sich das Buch für Religionsunterricht und Katechese im Kindergarten, in der Grund- und Primarstufe, in der Gemeinde und selbstverständlich und besonders für die Arbeit mit geistig behinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Mir ist kein anderes, aktuelles Bibelbuch bekannt, das besser geeignet wäre als dieses, um mit Menschen mit und ohne Behinderung den biblischen Texten auf die Spur zu kommen.
Darüber hinaus ist dieses Buch geeignet, meditativ betrachtet zu werden, einfach um der Bilder und Texte und um der persönlichen Bereicherung des eigenen Glaubens willen. Gerade die Kombination aus theologisch hochwertigen, elementaren Texten und künstlerisch gelungenen und passenden Bildern übt eine Faszination aus, der sich kaum jemand entziehen kann, der dieses Buch in Händen hält.
Wieder einmal zeigt sich hier, dass geistig behinderte Menschen nicht nur Empfänger „rehabilitativer Maßnahmen“ von nicht behinderten Menschen sind, sondern dass sie selbst Geber und Inspiratoren sind, dass sie selber einen Beitrag für Gesellschaft und in der Kirche zu geben haben. Dass dieses Buch im Jahr der Bibel und im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen herauskommt, ist kein Zufall. Die Wirkung und Verbreitung sollte aber weit über diese mehr oder weniger symbolischen Anlässe hinausgehen. Das ist diesem Buch sehr zu wünschen. Zum Schluss sei angemerkt, dass die Herausgeber des Buches in angenehmer Weise im Hintergrund bleiben, sich auf essenzielle Bemerkungen und Kommentare beschränken und so sowohl die Texte, als auch die Bilder in den Mittelpunkt treten lassen.
Diese Bibel sei zur anregenden Lektüre und wertvoller Verwendung in den unterschiedlichen Bereichen kirchlichen Handelns empfohlen.



Andreas Heek
Dipl. Theol., Diözesanbeauftragter des Erzbistums Köln
für die Seelsorge mit Menschen mit Behinderung
Fachreferent der Arbeitsstelle Pastoral
für Menschen mit Behinderung der Deutschen Bischofskonferenz