I.
2003 ist das Europäische Jahr der Menschen mit Behinderungen. Aus diesem Grund haben die deutschen Bischöfe vor kurzem ein Wort zur Situation der Menschen mit Behinderungen veröffentlicht. Sie weisen darauf hin, dass die Fortschritte der Gentechnik, insbesondere in der Humangenetik und Biomedizin eine gesellschaftliche Dynamik entfachen, die den Druck auf Menschen mit Behinderungen und ihre Angehörigen schon heute erheblich erhöht. Diese Dynamik belastet nicht nur alle hoffnungsvollen Wege im respektvollen und achtsamen Zusammenleben zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderungen. Sie hält eine längst überwunden geglaubte Wunschvorstellung wach den Traum vom perfekten Menschen und einer leidfreien Gesellschaft.
Das 20. Jahrhundert hat das Ziel der Moderne, durch Aufklärung und wissenschaftliche Erkenntnis die Lebensumstände der Menschen fortschreitend zu verbessern, mit der Vision verknüpft, einen besseren, einen Neuen Menschen zu schaffen. Die Katastrophe des Ersten Weltkrieges, die auf viele Intellektuelle und Künstler wie eine Bankrotterklärung der abendländischen Kultur wirkte, ließ die Idee eines radikalen Neubeginns zur geschichtlichen Notwendigkeit werden. Darin eingeschlossen war die Vision des Neuen Menschen, die sich bereits bei Nietzsche angekündigt hatte und durch die Verbindung von religiösen Vorstellungen mit moderner Wissenschaftsgläubigkeit neuen Auftrieb erhielt.
Die Nationalsozialisten arbeiteten daran, mit den Möglichkeiten der Biologie eine neue und glückliche Rasse zu erschaffen. Sie förderten deshalb die Eugenik als wissenschaftliches und bevölkerungspolitisches Programm und ergänzten es um die Politik der Euthanasie und der Vernichtung angeblich minderwertiger Rassen. Die traurigen Konsequenzen ihrer Ideologie kann man hier in Hadamar sehen.
Weniger bekannt ist, dass auch der Sozialismus bestrebt war, mit Hilfe der Wissenschaften einen Neuen Menschen hervorzubringen. Der russische Revolutionär L. Trotzki dachte sich das so: Die Anthropologie, Biologie, Physiologie, Psychologie haben Berge von Material gesammelt, um vor dem Menschen in vollem Umfange die Aufgabe seiner eigenen körperlichen und geistigen Vervollkommnung und weiteren Entwicklung aufzurichten. [...] Ist er einmal mit den anarchischen Kräften der eigenen Gesellschaft fertig geworden, wird der Mensch sich selbst in Arbeit nehmen, in den Mörser, in die Retorte des Chemikers. Die Menschheit wird zum ersten Male sich selbst als Rohmaterial, bestenfalls als physisches und psychisches Halbfabrikat betrachten. Der Sozialismus wird ein Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit auch in dem Sinne bedeuten, dass der gegenwärtige, widerspruchsvolle und unharmonische Mensch einer neuen und glücklichen Rasse den Weg ebnen wird" (aus einer Rede 1932 in Kopenhagen).
Mit derartig mörderischen Wahnvorstellungen will heute niemand mehr etwas zu tun haben, am wenigsten die Wissenschaft. Sie wehrt sich gegen den ideologischen und politischen Missbrauch und möchte nicht ständig für die Sündenfälle einer parteilichen oder rassischen Pseudowissenschaft haftbar gemacht werden, zu Recht. Wer allerdings aus der Vergangenheit lernen will, der muss die Argumente in den Blick nehmen, die heute für die Nutzung von Gentechnik am Menschen und Reproduktionsmedizin werben.
Der Molekularbiologe und Nobelpreisträger James D. Watson meint zum Beispiel, dass wir angesichts unserer technischen Möglichkeiten nicht mehr Gott
die Zukunft des Menschen überlassen. Wir hätten das Recht, dem Leben erbgeschädigter Föten ein Ende zu setzen. Niemand dürfe gezwungen werden, Kinder zu lieben und zu fördern, deren Leben niemals Anlass zur Hoffnung auf Erfolge gegeben hätte. Naturwissenschaftler sind geneigt, solche Äußerungen als singuläre Ausfälle eines einzelnen zu verharmlosen. Das ist ein Irrtum. Denn diese Form der modernen Eugenik ist so alt wie die Genetik selbst.
Ernst Haeckel hat den Darwinismus für Deutschland entdeckt, er hat ihn in sozialdarwinistische Bahnen gelenkt. Die Aufgabe des Arztes sei es, für eine biologische Auslese zu sorgen, die der Garant für ein höheres Kulturvolk sei, dessen Züchtung er freilich nur vage andeutete: Es kann daher auch die Tötung von neugeborenen verkrüppelten Kindern ... vernünftigerweise nicht unter den Begriff des Mordes fallen, wie es noch in unseren modernen Gesetzbüchern geschieht. Vielmehr müssen wir dieselbe als eine zweckmäßige, sowohl für die Beteiligten, wie für die Gesellschaft nützliche Maßregel billigen.
1962 erhielten Crick und der bereits erwähnte Watson den Nobelpreis für ihre Entdeckung der Molekularstruktur der Nukleinsäuren und ihre Bedeutung für die Informationsübertragung in lebender Substanz. Im November desselben Jahres lud die CibaFoundation 27 hervorragende Wissenschaftler zu einem Symposium nach London ein, dessen Ergebnisse ein Jahr später unter dem Titel Man and his Future veröffentlicht wurden. Julian Huxley, Joshua Lederberg und Hermann J. Muller gehörten zu den Eingeladenen. Sie waren es vor allem, die auf dieser Konferenz zum Teil schon seit Jahren von ihnen propagierte Züchtungsideen vortrugen. Argumentationen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts tauchten wieder auf. So bei Julian Huxley: Im modernen Menschen beginnt die Richtung der genetischen Entwicklung das Vorzeichen zu verändern, vom Positiven zum Negativen, vom Fortschritt zum Rückschritt: Es muss uns gelingen, diese Entwicklung auf den uralten Kurs einer positiven Verbesserung zu bringen. Die damals reale Angst vor einer Zerstörung der Erde durch Atombomben wird von dem amerikanischen Genetiker und Nobelpreisträger Joshua Lederberg instrumentalisiert, um sein eigentliches Ziel zu propagieren: Ich meine, die meisten von uns hier glauben, dass die gegenwärtige Weltbevölkerung nicht intelligent genug ist, um zu verhindern, dass sie mit der Atombombe in die Luft geht. Wir wollen Vorsorge für die Zukunft treffen, dass sie eine etwas bessere Chance hat, dieser besonderen Gefahr zu entkommen. Der sowjetischamerikanische Mediziner Hermann J. Muller machte in seinem Referat den Vorschlag, man solle, um eine genetische Verbesserung der menschlichen Bevölkerung zu erreichen, Vorratslager mit tiefgefrorenen Samen erwünschter und erbgesunder Erzeuger anlegen, aus denen dann verantwortungsbewusste Frauen auswählen könnten. Es ist eine ironische Situation. Die kulturelle Evolution hat zu guter Letzt Wissenschaften und ihre Technologien gezeitigt. Sie hat sich damit mit Kräften ausgerüstet, die das ÇUnternehmen Mensch’ scheitern lassen oder zu neuen, unvorhergesehenen Höhen des Seins und Handelns empor führen können. Inzwischen zeitigen sich wenig ironische Konsequenzen, seit es in Kalifornien Samenbanken von Nobelpreisträgern gibt.
Wer heute für intelligentere oder gesündere Menschen argumentiert, der muss erklären, mit welchem Recht er sich meilenweit von den vergangenen Ideologien entfernt wähnt. Er muss erklären, warum intelligentere Menschen automatisch glücklicher sein sollen und warum Behinderte per se unglücklich sind. Es bleibt die historische Erfahrung zu bedenken, dass sich die Anhänger der sozialistischen und der nationalsozialistischen Utopie auf die Wissenschaft beriefen, als sie sich anschickten, ihre Träume in Albträume zu verwandeln. Folglich bleibt auch die Frage akut, ob und wodurch die Wissenschaft ihrerseits solchen Missbrauch begünstigte. Heute sind es vielleicht nicht mehr die großen Ideologien, sondern eher Versicherungs und Gesundheitsindustrie und ökonomische Interessen, die die neuen technischen Möglichkeiten fördern, um sich ihrer zu bemächtigen. Es hilft wenig, im Zeitalter der Gentechnik den Sozialdarwinismus durch fragwürdige Formen des Evolutionismus zu ersetzen, wenn diese zum gleichen Ergebnis führen und propagieren, um eines verheißenen intelligenteren, gesünderen und glücklicheren Lebens willen Menschenleben zu töten. Die Sprache verrät vieles.
II.
Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches wurde das Wörterbuch des Unmenschen analysiert. Die Autoren hatten bemerkt, dass Wörter nicht unschuldig sind, dass der Verderb der Sprache den Menschen verdirbt. Sie wollten die Sprache auf Unmenschliches abklopfen. Diese Aufgabe ist geblieben, sie fordert uns heute neu heraus. Noch in die scheinbar abstraktesten Begriffe spielen lebensweltliche Erfahrungen hinein und geben ihnen eine bestimmte Färbung. Reproduktionsmedizin bezeichnet zunächst einfach ärztliches Handeln im Zusammenhang der Zeugung. Der Terminus technicus Reproduktion steht in der Fachsprache ganz allgemein für Fortpflanzung. Aber das Wort Produkt steckt darin und kann seine Herkunft aus der Industrie nicht verleugnen. Sie überformt die Vorstellung Zeugung durch die Assoziation industrielle Produktion. Unter der Hand werden so aus Eltern Produzenten, aus Kindern Produkte und aus dem ganzen Vorgang eben die Reproduktion des Menschen. Allein der Begriff suggeriert bestimmte Assoziationen serieller Herstellung, die nicht zufällig im Wunsch oder Schreckbild des geklonten Menschen gipfeln. Wer so von der Entstehung und Weitergabe menschlichen Lebens redet, ist in Gefahr, auch so zu denken und in der Menschenherstellungstechnologie mit dem Produkt wie mit einem Fabrikat oder Halbfabrikat umzugehen. Er bezeichnet schließlich den Embryo als Biomaterial, das in Biobanken gelagert werden kann. Im Falle einer künstlichen Befruchtung erfolgt ein Tauglichkeitstest. Bestimmte Embryonen erhalten das Gütesiegel lebenswert, andere werden als unwert vernichtet. Kommt es zu einer Mehrlingsschwangerschaft heißt dieses Verfahren dann verschleiernd Mehrlingsreduktion durch Fötozid. Die Befürworter der Präimplantationsdiagnostik legen Wert darauf, dass dieses Verfahren nicht auf Selektion aus ist, sondern auf die Geburt eines gesunden Kindes. Der technisch klingende Begriff vertuscht, dass dabei menschliches Leben wegen seiner Defekte getötet wird. Der Erfinder der InvitroFertilisation R. Edwards nennt die Sache immerhin unverhohlen beim Namen: rigorose Qualitätskontrolle. Der Begriff Risikoschwangerschaft suggeriert, dass sich Risiken vermeiden lassen. Als verantwortungsvolle Entscheidung belasteter Personen wird dann bezeichnet, was faktisch mit der Tötung von Menschenleben endet. Embryonale Stammzellen werden zu wenigen Zelllinien vereinfacht. Der menschliche Körper, der neues Leben in sich trägt, erscheint als Produktionsgefäß. Stößt der Körper den eingepflanzten Embryo ab, gilt die Betroffene als Fertilisationsversagerin. So ist das eben mit dem Frauenmaterial.
Die Sprache der Biologie und Genforschung ergibt sich keineswegs einfach aus der Sache selbst. Eher ist es umgekehrt: Sie definiert im Vorhinein, was als die Sache selbst erscheint. Jede Wissenschaft konstituiert sich, indem sie ihre Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Aspekte der Wirklichkeit richtet, andere dagegen ausblendet. Spätestens seit Kant ist es Sache der Vernunft, die Bedingungen der Möglichkeit und der Grenzen menschlicher Erkenntnisfähigkeit selbstkritisch zu reflektieren. Unsere Gesellschaft darf sich die Sprache, in der ihre Zukunft verhandelt wird, nicht durch einen Verbund von Naturwissenschaft, Technik und Industrie unhinterfragt vorgeben lassen. Sonst verschlägt es ihr schließlich die Sprache.
III.
Die Sprache sollte der Würde des Menschen entsprechen. Die darf nicht verwechselt werden mit dem, was oft unbedacht als Wert oder Unwert eines Lebens bezeichnet wird. Es ist gefährlich, vom Wert eines Menschen zu sprechen. Der Weg zum Unwert ist dann nicht weit. Der Mensch hat nicht Wert, der Mensch hat Würde.
Das Wort Wert stammt vom Markt, aus der Ökonomie. Damit ist es nicht disqualifiziert, aber seine Aussagekraft ist eingeschränkt, wenn es um Unbezahlbares geht und um Unantastbares. Was ist das wert?, fragen wir. Wir kennen Messwerte, Grenzwerte oder auch Wertpapiere. Sie unterliegen der Definition des Menschen, sie sind verhandelbar: Grenzwerte werden von Kommissionen festgelegt, Messwerte sind statistische Ergebnisse von Experimenten, Geldwerte unterliegen den Schwankungen von Wechselkursen. All das zeigt: Der Wert hängt von der Bewertungsgrundlage ab, ändert sich mit ihr und kann gegen Null gehen. Würde dagegen eignet einem Menschen als Mensch. Kant hat das klar formuliert: Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes ... gesetzt werden; was dagegen über allen Preis erhaben ist ... das hat eine Würde". Die darf man nicht zu Markte tragen und darüber verhandeln. Sie ist nicht an Bedingungen geknüpft, sondern gilt unbedingt. Sie schützt davor, dass der Mensch Mittel zum Zweck wird. Das ist unter seiner Würde.
Die Würde sprechen wir uns nicht zu, darum können wir sie einander auch nicht absprechen. Sie ist uns vorgegeben, sie darf nicht angetastet werden. Das ist eine Relativierung der Selbstbestimmung. Absolute Autonomie im Zeichen des Machens und der Selbstbestimmung einerseits und die Unantastbarkeit andererseits (die ja nicht nur das Handeln des anderen betrifft, sondern auch mein eigenes an mir selbst) stehen sich gegenüber. Darin steckt ein ungelöster Konflikt im Projekt Moderne. Wenn die Haltung des nichtantastenden Annehmens verschwindet, werden wir keine Ethik der Würde mehr haben, sondern am Ende nur noch eine Ethik" der Erfolgsinteressen. Im Handumdrehen trägt dann die Selektion die Maske der Selbstbestimmung, die Vernichtung von Menschenleben die Maske des Mitleids.
Wenn man Gott nicht mehr die Zukunft des Menschen überlässt, wie J. D. Watson fordert, hat das Folgen. Gott ist tot, ruft der tolle Mensch in Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft. Was aber ist, wenn Gott tot ist? Der Schrei Wohin ist Gott? findet bei Nietzsche ein Echo, das nachdenken lässt. Es lautet: Wohin denn der Mensch? Diese Frage stellt sich heute in aller Schärfe: Wohin geht der Mensch, wenn er sich von Gott verabschiedet hat. Geht er zum Teufel? Oder vor die Hunde? Er wird heute immer mehr sein eigenes Experiment. Alles wird technisch produzierbar, am Ende auch der produzierende Mensch. Er produziert sich selbst. Wer dem widerstehen will, wird wohl schließlich und endlich den Umkehrschluss zu Nietzsche riskieren müssen. Kann man an der Unantastbarkeit der Würde des Menschen festhalten, wenn man von der Gottebenbildlichkeit des Menschen nichts mehr weiß oder wissen will.
IV.
Die Vision des Neuen Menschen gehört zum Kernbestand religiöser Überlieferung. Danach ist die Erlösung des Menschen nur möglich durch die Überschreitung seiner rein innerweltlichen Daseinsbedingungen. Im futurischen Konzept vollzieht sich dieser Prozess im Tod, im präsentischen Konzept schon im gegenwärtigen Leben und zwar auf dem Wege einer rituellen und spirituellen Wiedergeburt.
Das Christentum kennt die präsentische und die futurische Variante und fügt sie zusammen. Es ist einerseits geprägt von der Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus, verlegt aber den Beginn des ewigen Lebens bereits ins Diesseits. Das hat seinen Grund: Jesus Christus. In Ihm steckt, so glauben Christen, Gott in unserer Haut, in Ihm zeigt sich Gott als einer von unserem Fleisch und Blut. Er, ein Mensch wie wir, ist das sichtbare Bild des unsichtbaren Gottes und zugleich das Urbild des Menschen. In Ihm erkennen Christen: Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild und als solches geschaffen. Er ist weder ein Zufallsprodukt noch ein Blindgänger oder Irrläufer der Evolution, und er ist auch kein Geschöpf von menschlichen Gnaden. Vorgängig zu all seinen Taten und Untaten, Leistungen und Fehlleistungen ist er von Gott erwünscht, bejaht und gerechtfertigt. In Jesus Christus hat Gott sich mit jedem Menschen verbunden und den Neuen Menschen par excellence zur Welt gebracht. Im Glauben an Ihn wird jeder Mensch wiedergeboren, ein Neuer Mensch, aber kein ChristusKlon oder Abziehbild, sondern ein Original.
Wird die Vision vom Neuen Menschen aus ihrem religiösen und christlichen Kontext herausgelöst, stirbt die Einsicht, dass der Mensch die in ihr erhoffte neue Existenzform allein Gott verdankt. Fast unvermeidlich verwandelt sie sich dann in das Leitbild der Anthropolitik, die den Neuen Menschen aus eigener Kraft schaffen will. Dieser Wille paart sich in der Neuzeit mit der Wissenschaft und den von ihr hervor gebrachten Möglichkeiten, formend auf den Menschen einzuwirken. Fortan dreht es sich um die vom Menschen selbst ins Werk gesetzte Perfektionierung des Menschengeschlechts, dreht es sich darum, den vorhandenen Menschen in jeder Hinsicht zu verbessern. In den freiheitlichen Demokratien des Westens tritt an die Stelle staatlichen Drucks das Diktat von Moden und Trends. Man will der Natur oder der Evolution auf die Sprünge helfen und ihre Kreationen künstlich nachbessern. Im Ergebnis entstehen nur allzu leicht Kunstfiguren wie Michael Jackson, dessen Gesicht durch immer neue verschönernde Operationen allmählich zu einer Maske erstarrt eindringliches Zeichen für die Gewaltsamkeit eines Selbstgestaltungswillens, der nach Perfektion strebt und dabei das Leben sterilisiert.
Derartige Tragödien nehmen zu. Man braucht dabei gar nicht an prominente Beispiele zu denken. Es genügt der Blick auf das alltägliche Unglück, das sich die Opfer verinnerlichter Schönheitsideale selbst bereiten: das Elend Magersüchtiger, die, obgleich nur noch Haut und Knochen, sich immer noch zu dick finden. Mit wessen Augen schaut sich eigentlich an, wer im Spiegel nur Hängebrüste und Schmerbauch sieht, Fettpolster hier und Tränensäcke dort, den eigenen Körper sozusagen als einen einzigen Schönheitsfehler? Welchem Vorbild eifert nach, wer sich für Fitness, Wellness und Beautiness mit einer Ausdauer und Leidenschaft quält, die mittelalterliche Folterknechte in Erstaunen versetzt hätte? Die Weigerung des Menschen, sich als Ebenbild Gottes anzunehmen, schürt eine zermürbende und zerstörerische Unzufriedenheit mit sich selbst und liefert ihn schutzlos dem Perfektionszwang der eigenen Idealbilder aus. Was sich ihnen nicht fügt, wird ausgemerzt: zuerst die Unvollkommenheiten des Menschen, dann die unvollkommenen Menschen und schließlich der Mensch selbst, dieses Übergangsmodell auf dem Wege zum posthumanen Superman. Auf dieser abschüssigen Bahn gibt es kein Halten. Längst genügt es nicht mehr, sich selbst zu verwirklichen, man muss sich selbst neu erfinden und neu schaffen. Das mündet in die Selbstabschaffung des Menschen im Namen seiner Idealbilder. Aus diesem Zwang befreit kein wissenschaftlicher Blick, sondern allein der Blick eines Liebenden. Ein Mensch, der sich nicht geliebt weiß, muss fortwährend sich selbst produzieren, um sich akzeptieren und von anderen anerkannt fühlen zu können; er gibt sich tragisch genug gerade so der Lächerlichkeit preis. Diese Erfahrung scheint zum Signum unserer Zeit zu werden. Als befände sich der moderne Mensch in einem dauerndem Wettbewerb, dem unbarmherzig prüfenden Blick einer imaginären Jury ausgesetzt, die den Daumen hebt oder senkt und damit Träume erfüllt oder zerschlägt. Es ist die Angst, nicht bestehen zu können bei so viel Unzulänglichkeit, das durchdringende Empfinden eines Mangels, das in den Aberwitz des Perfektionswahns treibt und uns zu Grunde richtet. Indem der christliche Glaube seine Vision vom Neuen Menschen in Erinnerung bringt, plädiert er im Namen Gottes für nicht weniger als für die Freiheit von selbstauferlegten Zwängen.
V.
Für die deutschen Bischöfe hat dies in ihrem Hirtenwort zur Konsequenz, dass sie sich für eine Kultur der Achtsamkeit stark machen. Sie plädieren für eine Solidarität mit den leidenden, kranken, behinderten und isolierten Menschen.
Dazu gehört ihrer Meinung aber auch, sich von einer bestimmten Verhaltensweise des Mitleids zu lösen. Natürlich ist Mitleiden eine menschliche Grundhaltung, eine wichtige Motivation, sich vom Schicksal benachteiligter Menschen anrühren zu lassen und ihnen zu helfen. Mitleid allein aber erblickt im Bemitleideten oft nur das Bemitleidenswerte und Schmerzliche. Gerade in den biblischen Begegnungs und Heilungsgeschichten erschließt sich den Christen die Option für eine Kultur der Achtsamkeit:
Sie ist offen für den Schmerz und das Leid anderer Menschen. Sie ist zugleich aufmerksam für die Eigenkräfte und das Gelingen, das im Leben der behinderten Menschen offenkundig wird. Sie öffnet den Blick für einen Reichtum, der leicht in einer einseitigen Haltung im Mitleid verborgen bleibt.
Mit Behinderungen sein Leben zu führen, hat eine eigene Sinnhaftigkeit. Für die Mehrzahl der Menschen relativiert es die gewohnten Maßstäbe des Sinnvollen und Nichtsinnvollen. Nichtbehinderte Menschen erkennen, dass es möglich ist, sinnvoll zu leben bei allem Anderssein. Festgefahrene und verengte Bilder vom geglückten Leben werden aufgebrochen. Sie entdecken am Anderen neue Möglichkeiten, mit den Begrenztheiten auch des eigenen Lebens sinnvoll umzugehen. Sie lernen einen respektvollen Umgang mit Verschiedenheiten, ohne immer wieder die alten Muster von besser oder schlechter zu bemühen. Sie lernen, Ängste vor dem Unbekannten und Befremdlichen abzubauen. Sie lernen eine Menschlichkeit, die für vieles Platz hat. So besehen, sind Menschen mit Behinderungen besondere Autoritäten für einen Reichtum sinnerfüllten, gelingenden Lebens, der sich in keinem festgefügten Bild fixieren lässt.
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Genforschung und Gentechnik können außerordentlich segensreich wirken, sie können auch zum Fluch werden. Das geschieht, wenn sie offen oder insgeheim der Versuchung nachgeben, einen Neuen Menschen produzieren zu wollen. Der wird schnell zu einem Götzen, auf dessen Altar Menschenopfer dargebracht werden. Hierzulande Kinder mit DownSyndrom, anderwärts Mädchen ihres Geschlechts wegen, heute Kinder mit schweren Erbleiden, morgen solche, denen es an Intelligenz, Schönheit oder einfach an Erfolgsaussichten mangelt. Je stärker Gesundheitswahn und Optimierungszwang Verbreitung finden, um so mehr kommt es in Zukunft darauf an, eine Kultur der Achtsamkeit zu entwickeln. Hände weg von dir selbst. Suche, dich selbst zu schaffen und du wirst eine Ruine schaffen (Augustinus).