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Festvortrag zur Eröffnung der Arbeitsstelle
„Pastoral für Menschen mit Behinderung“
der Deutschen Bischofskonferenz
am 25.02.2002 im Maternushaus/Köln

Pater Dr. Manfred Entrich OP

Menschen mit Behinderung –
eine pastorale Herausforderung kirchlichen Handelns

Menschen mit Behinderung fallen im Straßenbild auf. Sie benötigen technische oder persönliche Hilfe, um sich in den Bedingungen des Lebens zurecht finden zu können. Die meisten Menschen leben ohne sichtbare Behinderung und werden sich dessen oft erst im Blick auf behinderte Menschen bewusst. Unterschiedliche Empfindungen können dann wach werden. Sicher ist es häufig das Gefühl des Mitleids, das einen Impuls zum Helfen freisetzt. Kaum eingestanden und vielleicht auch schamvoll verborgen, kann auch Dank in uns sein, selbst nicht in einer solchen Begrenzung leben zu müssen.
Vieles ist geschehen, damit Menschen mit Behinderung ihr Leben erträglicher ges-talten können. Wir erleben, dass zunehmend mehr Möglichkeiten geschaffen wer-den, Rollstuhlfahrern die Nutzung der Verkehrsmittel zu erleichtern. Mehrfach Schwerbehinderte erhalten in den entsprechenden Institutionen ihnen mögliche Arbeitsbedingungen. Wir dürfen uns trotz aller Verbesserungen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Behinderung zunächst einmal bedeutet, etwas so nicht zu können, was andere leicht und unkompliziert vermögen. Alle kirchliche und staatliche Sorge hilft, nimmt aber nicht die Behinderung weg.
Wenn unsere Gesellschaft nicht den sie selbst zerstörenden Gedanken in die Tat umsetzt, behindertes Leben erst gar nicht zur Welt kommen zu lassen, werden wir immer mit behinderten Menschen zusammenleben. Damit jedes Missverständnis ausgeschlossen ist, sei eigens betont, wie wichtig medizinischer Fortschritt zur Ver-hinderung oder Minderung von Behinderungen höchste Priorität haben muss. Eine Gesellschaft, die selektiv im vorgeburtlichen Bereich dem behinderten Leben den Zutritt in unsere Welt verwehren würde, verwiese auf ihre kollektive Krankheit, die ungleich schlimmer ist, als alle Behinderungen, mit denen wir jetzt leben.
Im Neuen Testament begegnet Jesus Menschen mit Behinderung. Sie wenden sich an ihn in der Erwartung, dass er ihnen wieder ?auf die Beine hilft?, sie sehen lässt – sie also aus der Ausgrenzung durch andere Menschen herausnimmt. Sie werden wieder integriert in ihre vielfältigen Lebensbeziehungen.
Es ist eine besondere Geschichte, die uns im Lukas-Evangelium unter dem Stich-wort „Die Heilung eines Gelähmten“ erzählt wird (Lk 5,17-26). An ihr lässt sich in besonderer Weise zeigen, dass Menschen mit Behinderung eine besondere Herausforderung für die Christen darstellen.
Worum geht es in dieser Geschichte? Einige Männer bringen einen Gelähmten zu Jesus. Da aber sehr viele bereits auf Jesus warten, gelingt es ihnen nicht, unmittel-bar zu Jesus vorzudringen. Sie tun etwas Ungewöhnliches, aber durchaus im Blick auf die Behinderung ihres Freundes, Verständliches: Sie suchen einen ungewöhnlichen Weg, um zu Jesus zu gelangen. In dieser Geschichte decken sie die Ziegel des Daches ab, so dass sie direkt und unmittelbar
- von oben sozusagen - Jesus nahe kommen können.
Wagen wir also diese Geschichte einmal synchron zu unserer Zeit zu lesen, dann verhalten sich doch die Freunde des gelähmten Mannes vergleichbar den unzähligen engagierten haupt- und ehrenamtlichen Helfern.
Indem die Freunde des Gelähmten einen Weg suchen, den Behinderten nicht „draußen“ stehen bzw. liegen zu lassen, hoffen sie, dass der, von dem sie Hilfe erwarten, ihn dort treffen könnte, Jesus. Sie entwickeln aus dem eigenen Impuls, helfen zu wollen, eine Methode, die für diesen Behinderten zum Ziel führt. Man darf also durchaus sagen, dass die vielfältigen Formen der Behindertenhilfe stets die ge-wohnten und standardisierten Formen der Lebensabläufe durchbrechen. Die Behin-derten – sonst am Rand – werden mittels besonderer Anstrengungen und unge-wöhnlicher Maßnahmen in den Lebenskreis der Menschen zurückgeführt.
Die Geschichte geht aber weiter. Jesus, von dem sie viel, um nicht zu sagen alles für ihren Freund erwarten, nimmt das Leiden wahr und sieht, dass sie fest davon überzeugt sind, mit dieser Tat das Richtige für ihren Freund unternommen zu haben. In der Hl. Schrift heißt es, dass Jesus ihren Glauben sah (Lk 5,20). Dieser Satz lässt aufmerken.
Zunächst dürfen wir ihn verstehen als: Sie erwarten das Beste für ihren Freund! Aber es steckt noch mehr in diesem Hinweis. Man kommt bei näherem Hinsehen nicht umhin zu sagen, dass diese Freunde sich ganz mit dem Gelähmten und seiner Not identifiziert haben. Sie blicken auf Jesus mit der gleichen Erwartung, die auch der Gelähmte in seiner Not hat. Sie tun also nicht nur etwas für ihn, sie tun etwas mit ihm. Hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung christlich-kirchlichen Handelns. Ohne Zweifel muss vieles für diese Menschen getan werden, die an ei-nem Handicap zu tragen haben. Mit dem Evangelium müssen wir aber zugespitzter formulieren: Wir müssen mit ihnen etwas tun. So notwendig die Hilfe für jemanden ist, damit er entsprechend versorgt sein kann, so notwendig bedarf es Menschen, die dieses FÜR in ein MIT umwandeln.
In der Geschichte des Evangeliums stehen die Männer, die die Bahre tragen, ganz auf der Seite des Behinderten. Sie setzen sich mit ihrem Tun einem möglichen Misserfolg oder Erfolg ihrer Unternehmung aus. Sie legen den Gelähmten nicht nur vor die Füße Jesu, damit er seinen Wunsch vortragen kann. Vielmehr sieht er ihren Glauben. Die Stellvertretung, die hier angezeigt ist, wird Anlass für Jesus, zu han-deln.
Die pastorale Herausforderung für Menschen mit Behinderung wird in dieser Ge-schichte zu einer Herausforderung an alle, in deren Umfeld Menschen mit Behinde-rungen leben. Es bedarf einer Pastoral, die konkrete Hilfe leistet, eben die Trage dieses Behinderten anzufassen und ihm den Weg zu Jesus zu ermöglichen. Diese pastorale Herausforderung können wir umschreiben als eine Pastoral der Berührung mit dem Leiden. Nicht in distanzierter Überlegung, was das Beste für diesen Menschen sei, sondern in bewusster Nähe und engagiertem Kontakt zeigt sich eine so skizzierte Berührungspastoral.
Wenn der Text des Lukas-Evangeliums vom Glauben dieser Männer spricht, dann weist er darauf hin, dass über diesen Kontakt hinaus oder besser noch durch diesen Kontakt etwas von den Hoffnungen und Leiden des in dieser Geschichte Betroffenen auf die Helfer übergeht. Jesus identifiziert ihren Glauben mit der Not des Gelähmten. Die pastorale Herausforderung, die in dieser Geschichte zu lesen ist, besteht nicht allein darin, für die Menschen etwas Gutes zu tun und zu wollen, sondern eine Option zu treffen für die Menschen mit Behinderung. Sie führt uns dazu, mit ihnen zu denken, zu fühlen und zu leben.
Hervorragende Zeugnisse aus der Arche-Bewegung von Jean Vannier berichten von der erstaunlichen Erfahrung derer, die in Wohngemeinschaften zusammen mit Menschen mit Behinderung leben. Es sind gerade sie, die zu einem vertieften Leben verhelfen. Die Wohngemeinschaften der Arche sind sicher ein besonderes pastorales Zeichen in der Gesellschaft und in der Kirche. Das hier im Evangelium angesprochene Ethos, so wie es sich auch in der Spiritualität der Arche-Bewegung konkretisiert, ist für alle lebbar.
Wir sind heute zusammen, um die Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz für Menschen mit Behinderung neu zu installieren. Sie wird in großer Professiona-lität ihren Arbeitsauftrag erfüllen. Gleichermaßen werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter diesen Dienst in wirklicher Berührung mit den Menschen, die behindert sind, leisten. In diesem Sinn fassen wir die Trage an, von der das Evangelium spricht und tragen die Menschen, denen unsere Sorge gilt, mit außerordentlichen und ungewöhnlichen Methoden in die Nähe des auferstandenen Herrn. Diese spirituelle Grundhaltung prägt ein besonderes Ethos des Helfens und damit auch des kirchlichen Handelns aus. Sie zeigt in besonderer Weise die pastorale Dimension kirchlichen Handelns, nämlich Raum zu schaffen für alle Menschen, insbesondere für die, denen Jesus so nahe war.
Einer der schönsten Texte des II. Vatikanischen Konzils steht in der Pastoralkon-stitution – Die Kirche in der Welt von heute: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonderes der armen und bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, was nicht in ihrem Herzen seinen Widerhall fände. Ist doch ihre eigene Gemeinschaft aus Menschen gebildet, die, in Christus geeint, vom Hl. Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und seine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist. Darum –erfährt diese Gemeinschaft sich mit der Menschheit und ihrer Geschichte wirklich engstens ver-bunden“. Dieser Satz kann zur „Magna Carta“ der Arbeitsstelle für Menschen mit Behinderung werden.