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Pastoral mit Menschen mit Behinderung

Versuch einer theologischen Grundlegung

von Pfarrer Dr. Hermann-Josef Reuther

Wenn wir uns für die Seelsorge bei Menschen mit Behinderung einsetzen, sei es im Aufgabenfeld der Behindertenhilfe also etwa der Caritas, sei es im Bereich der Behindertenseelsorge selbst, so ist eine theologische Vergewisserung dessen unerlässlich, was wir mit Seelsorge ausrichten wollen, bzw. was unsere Pastoral bedeutet. Eine theologische Vergewisserung soll hier versucht werden als spirituelle Reflexion. Es geht nicht um den letztgültigen und abschließenden theologischen Entwurf; es geht vielmehr um so etwas wie eine Rückversicherung am Vorbild und Auftrag Jesu.

Schauen wir uns darum zunächst etwas näher an, was mit dem Auftrag Jesu an seine Jünger gemeint sein könnte. Jesu gesamtes Reden, Handeln und seine geistliche Bemühung gilt der Umkehr und der Nachfolge. Mit den Worten: „Kehret um, denn das Gottesreich ist nahe!“, ruft Jesus die Menschen, die ihm zuhören, in seine Nähe. Sie sollen sich ihm anschließen, sollen leben mit ihm und leben wie er: das bedeutet „Nachfolge“. Jesus ruft auf zu einem Leben nach dem Vorbild seines eigenen Lebens.

Was heißt das? Die wichtigsten Parameter des Lebens und Handelns Jesu selbst müssen uns deutlich werden, wenn wir den Ruf nach Umkehr und Nachfolge verstehen wollen, wenn ein Leben nach dem Vorbild Jesu Sinn machen soll.

Die wichtigsten Merkmale im Leben Jesu selbst sollen darum kurz genannt werden.

  1. In Jesu gesamter Verkündigung geht es zuerst und zuinnerst immer um die Macht und Gutheit des Vaters. Was er den Menschen immer wieder vor Augen führen möchte, ist das, was seit dem anfänglichsten Glauben des alten Gottesvolkes mit der Kaboth Jawe, der absoluten Macht und Vollmacht des Gottes der Väter, gemeint ist. Diese Macht wird durch ein Gegengewicht ausgeglichen und erhellt: die unbedingte Geduld, Liebesbereitschaft und Gutheit des Vaters. Macht und Gutheit sind darum die zwei entscheidenden Kriterien, unter denen Gott und sein gesamtes Wirken zu denken sind.

  2. Ein zweites Merkmal der gesamten Verkündigung und des gesamten öffentlichen Wirkens Jesu ist sein Handeln unter dem Volk: Mathäus schreibt: „Er heilte alle Kranken und Besessenen.“ Die Reden in Gleichnissen und die Handlungen in Gleichnistaten, besonders den Krankenheilungen, sollen das veranschaulichen, was er im Wort von Gottes Macht und Gutheit sagt. Am Beispiel wird es deutlich: Wenn Jesus einen Kranken heilt, so setzt er damit die Macht Gottes selbst frei, - er gibt nicht nur ein Beispiel dafür, sondern es ist Gottes eigene Macht, die durch die Hand und das Wort Jesu wirksam wird. Zugleich bekommt aber auch das Leben des Betreffenden eine neue Wendung, eine neue Chance. Jesu Handeln am hilfsbedürftigen Menschen, z.B. also eine Heilung, ist zugleich Zeichen und Geschehen der Macht und der Gutheit des Vaters.

  3. In die erste Reihe der hauptsächlichen Parameter des öffentlichen Wirkens Jesu gehört zudem die Feier des großen Dankmahles, der Eucharistie. Was Jesus beim sogenannten ?Letzten Abendmahl? getan hat, geschah auf dem Hintergrund mannigfacher Mahl-Erfahrung der Apostel mit ihrem Herrn geschieht zugleich Aufgipfelung und höchste Verwirklichung ihrer Jüngergemeinschaft im Mahl vor seinem Tod. Jesu Segensworte über Brot und Kelch sowie sein Auftrag: ?Tut dies immer wieder zum Gedenken an mich?, heben dieses Geschehen in den Rang der grundsätzlichen und unverzichtbaren Handlungen im Leben Jesu.

Solche Kerngehalte des Lebens Jesu: Seine Verkündigung des Gottesreiches, das bedeutet die Rede von der Macht und Gutheit des Vaters; seine Heilung von Kranken und Besessenen; die Feier des großen Dankmahles, Eucharistie: All das gilt es aufzugreifen und zu verwirklichen, wenn das Leben Jesu demjenigen, der ihm nachfolgt, zum Vorbild wird. Leben in der Nachfolge, Verkündigung und Seelsorge verwirklichen dann ihrerseits die Maßstäbe, die Jesus setzte. Das eigene Lebenszeugnis des Christen ist der erste und wichtigste Ansatzpunkt jeder Verkündigung und jeder Pastoral. Wir sprechen vom Martyria.

Der Dienst am Nächsten, besonders an den Hilfsbedürftigen, ist die Verwirklichung des eigenen Handelns Jesu, wenn er in Liebe und Geduld den Hilfsbedürftigen heilend entgegentritt. Wir sprechen von Diakonia.

Die Feier des Todes und der Auferstehung Jesu im Ritus der Eucharistie, im liturgischen Geschehen des kirchlichen Gottesdienstes, ist die Wiederkehr der Abendmahlsfeier. Sie ist die Erfüllung des Auftrags Jesu. Wir sprechen von Liturgia, der dritten Dimension in der Nachfolge und in der Pastoral.


Diese drei Dimensionen, Martyria, Diakonia und Liturgia beschreiben die Grundvollzüge christlichen Lebens. Daraus folgen mindestens drei Ergebnisse:

  1. Alle drei Vollzüge geschehen in der Gemeinschaft der Glaubenden. Das, was das Glaubensbekenntnis vorformuliert als unsere Christengemeinschaft („Gemeinschaft der Heiligen“), ist vorgebildet und vorbereitet in der Jüngergemeinde Jesu. Er rief die Zwölf als engsten Kreis um sich und erhob die Gemeinschaftlichkeit für alle Christen zum grundsätzlichen Lebensstil. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich bei Ihnen“, sagt Jesus. Letzten Endes geht auf diese Grundqualität des gemeinschaftlichen Jüngerseins die Wirklichkeit der Kirche zurück. Die Tatsache, dass Christsein in Gemeinschaft geschieht, nennen wir die vierte Dimension der Pastoral. Wir sprechen von Koinonia.

  2. So wie die drei Grunddimensionen der Pastoral in Gemeinschaft geschehen
    (Koinonia), so geschehen sie grundsätzlich zum Ziel der Verkündigung von Gottes Macht und Gutheit. In der Verkündigung Jesu ist diese Auffassung von Gott dem Denken des alten Gottesvolkes Israel entlehnt. So wie alles Handeln Jesu der Verherrlichung des Vaters (Johannes-Evangelium) dient, so ist es auch jedem, der die Nachfolge Jesu als sein Jünger, als Christ oder Christin heute leben will, auferlegt, alles in der Pastoral zur Verkündigung von Gottes Macht und Gutheit, zur „Verherrlichung des Vaters“ zu tun.

  3. Im Verlauf der Geschichte der Christenheit hat diese Zielrichtung des
    Christseins immer neue Ausprägungen gefunden. Sie bedarf der jeweiligen Anpassung an Zeit und Kultur. Im typisch barocken Überschwang sprach der heilige Ignatius, Begründer der Gesellschaft Jesu (Jesuiten), vom Leben des Christen zur „größeren Ehre Gottes“.

Christinnen und Christen unserer Zeit, die ein Leben nach dem Vorbild Jesu führen wollen, sind darum in die Grunddimensionen von Martyria, Liturgia und Diakonia gestellt. (1) Ein Leben in diesen Grunddimensionen formt sich aus in der Gemeinschaft mit anderen Christen (Koinonia) (2) sowie in der Intention alles Tuns und Denkens zur Ehre Gottes (3). und es geschieht unter den Bedingungen unserer realen Zeit und Kultur (4) zur Verkündigung seiner Macht und Gutheit

In einem weiteren Schritt soll die Charakteristik der drei Komponenten christlichen Lebens (Martyria, Liturgia, Diakonia) näher betrachtet werden. Es fällt dabei auf, dass alle drei Bereiche durch eine hohe Zeichenhaftigkeit gekennzeichnet sind. In allen drei Dimensionen erhält das Handeln eine tiefere Bedeutung; im vordergründig und aktuell Geschehenden liegt eine tiefere, untergründige Wahrheit, die mit dem äußerlich Erkennbaren immer einher geht und mit gemeint ist. Diese Eigenart christlichen Handelns rührt vom Vorbild Jesu her. Seine Zeichenhandlungen und Bildworte sind die elementarsten Mittel seiner Verkündigung. In ihnen ist Jesus in strengster Weise adressatenbezogen. In ihnen ist er zudem absolut zeitgemäß.

  1. Die Verkündigung Jesu ist adressatenbezogen der Form nach, d.h., er spricht und handelt, wie es der Zeit und dem Verständnis seiner Zeitgenossen entsprach und noch heute entspricht. Bildhafte und farbenprächtige Rede ist z.B auch heute ein bekanntes Merkmal orientalischer Erzählkunst.

  2. In den Inhalten seiner Verkündigung nimmt Jesus Themen seiner Zuhörer auf; er bedient sich der Anschauungen und Erfahrungen seiner Zeit: Jesus knüpft an am Erlebnishorizont seiner Zuhörer, wenn er von Acker, Saat, Unkraut und Ernte spricht, oder wenn er die Themen Krankheit, Treue und Untreue, Leben und Tod aufgreift. Jesus belehrt nicht klug, sondern er greift Sorgen und Leiden, Fragen und Sehnen der Menschen auf und entwickelt daran seine Beispielrede und seine zeichenhafte Handlung. In seinen Erzählungen und Taten sehen die Menschen: So ist Gott selber.

  3. Auf sehr direkte Weise ist Jesu Verkündigung noch einmal personenbezogen, indem immer der konkrete und individuelle Mensch angesprochen ist. Einmal bevor er einen Schwerkranken heilt, fragt er ihn: „Was willst du, das ich dir tun soll?“

Jesu Verkündigung in Handlung und Worten, z.B. also in Heilungen und Gleichnissen, geschieht zutiefst zeichenhaft. Sie ist darin sowohl der Form als auch dem Inhalt nach streng adressatenbezogen und dem Verständnis der Menschen seiner Zeit angepasst. Sie ist zudem nie über die Köpfe hinweg gesprochen, sondern immer an einen konkreten Menschen direkt gerichtet.

Wir halten also fest, dass Jesu Hinwendung zu den Menschen, direkt an die Hilfsbedürftigen, Kranken, Pflegebedürftigen, Behinderten und Notleidenden geht. Sie ist immer a) zeichenhaft und b) real-existenziell.

  1. Zeichenhaft ist sie, weil sie nicht eine platt-oberflächliche Bedürfnisversorgung erledigt, sondern in ihrem Geschehen immer eine tiefere Bedeutung mittransportiert, die den Menschen in seiner Existenz ernst nimmt und ihn mit einer tieferen Wahrheit vertraut macht: der Liebe Gottes.
  2. Real-existenziell ist sie, weil sie nicht das Kollektiv als großes und ganzes anspricht, sondern den Einzelnen in seiner momentanen Verfasstheit.
    In beiden Komponenten, in Zeichenhaftigkeit und Existenzialität, ist uns Jesu Handeln Maß und Vorbild.

Wir haben uns wie er real an die Menschen zu wenden, wir sollen sie ansprechen und ihnen Unterstützung, Hilfe und Lebensbegleitung gewähren. Es geht nicht darum, Manifeste zu schreiben und Theorien zu entwerfen, sondern Menschen die Hand zu reichen, die unsere Hilfe brauchen.

Zeichenhaft soll in unserer Hilfe, in unserer Begleitung hilfsbedürftiger Menschen, unser eigener Glaube an den Gott Jesu hervortreten: Unser Glaube an seine Macht und Gutheit. Der Einsatz für Menschen mit Behinderungen, der Dienst am Nächsten wird zum Bekenntnis, auch ohne den Namen Jesu auszusprechen. An uns und ganz menschlich soll der hilfsbedürftige Mensch etwas von der Macht und Gutheit Gottes erfahren, die schon im Volk Israel als Erlebnis der Befreiung erfahren wurde. An uns sollen hilfsbedürftige Menschen erleben, was die Menschen in der Begegnung mit Jesus auch spürten: die Befreiung von alten Zwängen; den Anbruch eines neuen Lebens, einer neuen Weltzeit. An uns und ganz real an unserer Haltung den Menschen gegenüber sollen Menschen mit Behinderung spüren lernen, dass ein Leben mit Defiziten dennoch von Gott aus bejaht und angenommen ist, dass es gesegnet und gutgeheißen, - dass es theologisch gesprochen: erlöst ist, mit allen Defiziten, mit Behinderung und trotz allen möglichen Leids (also keineswegs erst, wenn alles Defizitäre abgestellt wäre!).


Versuchen wir auf dieser Grundlage nun einige Grundzüge für eine Pastoral mit Menschen mit Behinderung zu gewinnen, Grundzüge, die am Vorbild Jesu, an einer Besinnung auf seinen Umgang mit Kranken und Hilfsbedürftigen, Maß nimmt.

  • Das älteste Bild von Gott, das gleichsam in unser Handeln hineingespiegelt ist, zeigt den Gott Jawe des alten Gottesvolkes Israel, der sich immer wieder in Geschichte und menschlicher Realität mit den Grundzügen von Macht und Gutheit sowie als realer Befreier seines Volkes zu erkennen gibt.

  • Diesen Gott verkündigt Jesus in Worten und Handlungen; er spricht von der Herrschaft Gottes, die in das Menschenleben ganz real hineinwirkt. So spricht er zu dem betroffenen Kranken: „Ich will, sei rein!“ Dieser realen Komponente tritt im Handeln Jesu die Zeichenhafte zur Seite. Dem real Geheilten spricht er Hoffnung zu: Du bist nicht fern von der Herrschaft Gottes!

Diese Merkmale hat unsere heutige Pastoral mit Menschen mit Behinderung als ihre Parameter aufzugreifen.

  • Sie muss darum bei der Lebenswirklichkeit der Menschen, die uns anbefohlen sind, ansetzen.

  • Sie muss in der Weise von Gottes Macht und Gutheit künden, dass sie von behinderten und hilfsbedürftigen Menschen als Befreiung erlebt werden kann.

  • So muss unsere Pastoral Zeugnis für die Gottesherrschaft in der heutigen Welt geben, indem sie Zeichen der Menschlichkeit setzt: Zeichen der Nähe, der Akzeptanz, Zeichen der Parteinahme für Menschen, die unserer Parteiname bedürfen.

Zum Schluss scheint die Frage fast müßig: Was braucht also eine Pastoral mit Menschen mit Behinderung? Aus dem Handeln Jesu lassen sich nur grundsätzliche Parameter ableiten, die dafür aber auch grundsätzliche Gültigkeit besitzen. Das Umsetzen in reale caritative und diakonische Arbeit heute ist den aktuellen Erfordernissen und Möglichkeiten entsprechend vorzunehmen. Wir dürfen im Mund Jesu und in der Lehre der Kirchenväter keine direkten und konkreten Arbeitsanweisungen für die Caritas heute erwarten. Seelsorge, oder wie wir heute sagen: „Pastoral mit Menschen mit Behinderung“, braucht in unserer Zeit vielleicht folgende Merkmale:

1. Entschlossenes Engagement für den Menschen: diakonisch, politisch, spirituell.

  1. „spirituell“:
    Wir brauchen uns der religiösen Komponente unseres Tuns nicht zu
    schämen, im Gegenteil, wir sollten stolz auf den Reichtum der Liturgie und des religiösen Brauchtums sein. Nicht erst die zeitgenössische Psychologie hat uns auf den Reichtum und die Bedeutung religiöser Symbolhandlungen und Rituale aufmerksam gemacht. Unzählige Erfahrungen zeigen, dass Menschen z.B. mit geistiger Behinderung wie auch psychisch Erkrankte, aber auch Körperbehinderte und Sinnesbehinderte in religiösen Vollzügen und liturgischen Ritualen zu tiefer spiritueller Selbsterfahrung fähig sind.

  2. „politisch“:
    Wollen wir unseren Auftrag für behinderte Menschen erst nehmen, so
    ist großer politischer und finanzieller Einsatz aller möglichen Mittel gefordert. Wirtschaftlichkeit unserer Einrichtungen, Stabilität und realistische Ausrichtung unserer Kostenpläne, klare Strukturen in der Personal- und Finanzorganisation sind heute unverzichtbar. Der Einsatz von Caritas und Seelsorge bei der Entwicklung oder Novellierung von betreffenden Gesetzten (SGB 9) ist noch bei weitem nicht auf dem Stand, wie er optimal sein müsste.

  3. „diakonisch“:
    Die existenzielle Nähe, die Jesus zu hilfsbedürftigen Menschen gesucht hat, ermahnt uns schlicht und einfach, in der seelsorglichen Arbeit in der Caritas größtmögliche Nähe zu behinderten Menschen zu suchen. Es geht darum, höchstmögliche Förderung individueller Möglichkeiten und Anlagen und Begabungen durchzusetzen. Weder die Zahl behinderter Menschen noch möglicherweise die Schwere ihres Handycaps darf unseren Einsatz behindern.

Eine theologische, spirituelle Reflexion auf Grundlagen für die Pastoral mit Menschen mit Behinderung wird keine Antwort darauf geben, wie oft im Monat ein Gottesdienst in der Abteilung B des Krankenhauses A stattfinden soll. Die pastoraltheologische Reflexion soll aber – gleichsam als eine Art Grundkonsens - in konkreten Gesprächen oder Verhandlungen zugrunde liegen, wenn praktische Möglichkeiten und Anfordernisse der Seelsorge im Rahmen der tätigen Caritas und ihrer Einrichtungen erörtert werden. Zu diesen grundlegenden Erörterungen sollten diese Überlegungen einen Beitrag leisten.